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Warum finde ich nicht den richtigen digitalen Raum für mein Kind im Vorpubertätsalter?

John Carr, Nomisha Kurian, PhD und Julia von Weiler | 18. Juni 2025
Ein Mädchen im Vorpubertätsalter benutzt ein Smartphone in einem spärlich eingerichteten Zimmer.

Viele Eltern kennen das Problem, für ihre Kinder im Vorpubertätsalter ein gesundes digitales Gleichgewicht zu finden. Sie sind noch zu jung für soziale Medien mit einer Altersgrenze von 13 Jahren und beschweren sich, dass sie für Kinderkonten zu alt seien. Welche Angebote gibt es also für Kinder im Vorpubertätsalter und wie können Sie Ihr 9- bis 12-jähriges Kind dazu anregen, diese Angebote zu nutzen?

Im Folgenden teilen Online-Sicherheitsexperten aus verschiedenen Bereichen ihre Erkenntnisse und Tipps zum Mangel an speziell für Kinder im Vorpubertätsalter konzipierten Bereichen.

Zusammenfassung

Warum überspringen junge Menschen die Tween-Phase?

Manche haben eine Veränderung der Interessen bei Kindern im Vorpubertätsalter beobachtet, die direkt von kindgerechten Interessen zu solchen übergehen, die für Teenager und junge Erwachsene konzipiert sind. Nach komplexen Hautpflege-Routinen ist ein solches Beispiel. Warum könnten sie Interessen vernachlässigen, die traditionell eher für die Altersgruppe der 9- bis 12-Jährigen angemessen sind?

Julia von Weiler

Julia von Weiler

Psychologe · Mediator · Experte für digitale Kindheit & kulturelle Transformation

Kinder zwischen neun und zwölf Jahren befinden sich in einer Übergangsphase, in der sie neugierig sind, suchen und ein starkes Zugehörigkeitsgefühl haben. Doch unsere Kultur lässt Übergänge kaum zu. Die digitale Welt kennt nur Extreme: kindlich oder jugendlich, niedlich oder cool. Wer dazugehören will, muss sich frühzeitig positionieren.

Soziale Medien, Werbung und Popkultur verstärken diese Entwicklung. Anstatt Kindern Raum für freies Experimentieren zu geben, zwingen sie sie in vorgegebene Rollen. Psychologisch gesehen ist dies kein Zeichen von Reife, sondern von Konformität. Das Dazwischen – die offene, spielerische Suche – verschwindet.

So wächst eine Generation heran, die sichtbar sein will, bevor sie weiß, wer sie ist.

Als Forscher im Bereich kindersicherer KIIch beobachte häufig, wie algorithmische Empfehlungen Entwicklungsphasen verkürzen. Kinder im Vorpubertätsalter stoßen auf Inhalte, die eigentlich für Teenager bestimmt sind, nicht weil sie diese gezielt suchen, sondern weil interaktive Algorithmen die Grenzen zwischen den Altersgruppen verwischen. Dies beschleunigt den Kontakt mit Inhalten und unterbricht die natürliche Übergangsphase des allmählichen Entdeckens für 9- bis 12-Jährige.

In meiner Arbeit zum kindgerechten KI-Design habe ich außerdem festgestellt, dass Kinder im Vorpubertätsalter Medien als Übungsfeld für ihre Identitätsfindung nutzen. Finden sie in digitalen Räumen keine ansprechenden, altersgerechten Vorbilder, orientieren sie sich an Influencern und älteren Teenagern. Es ist, als würden sie die Pubertät ausprobieren, um zu erfahren, wie sie sich anfühlt.

John Carr

John Carr

Experte für Online-Sicherheit

Es scheint immer weniger neue, qualitativ hochwertige Inhalte für die Altersgruppe der 9- bis 12-Jährigen zu geben. Das zwingt Kinder zwangsläufig dazu, sich anderweitig nach Inhalten umzusehen, die ihnen gefallen. Dadurch stoßen sie häufiger auf Inhalte, die für ältere Altersgruppen konzipiert sind.

Welche Auswirkungen könnte der Zugang Minderjähriger zu sozialen Medien auf Kinder im Vorpubertätsalter haben?

Unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass 43 % der 9- bis 12-Jährigen soziale Medien nutzen. Zu den beliebten Plattformen gehören: TikTok, Instagram und Snapchat Alle Plattformen setzen ein Mindestalter von 13 Jahren für die Anmeldung voraus. Nutzt also ein Kind unter 13 Jahren die Plattform, umgeht es die Sicherheitsvorkehrungen. Die Plattform stuft es daher als älter ein, als es tatsächlich ist, und empfiehlt ihm altersgerechte Inhalte. Welche Auswirkungen könnte das auf seine Entwicklung haben?

Julia von Weiler

Julia von Weiler

Psychologe · Mediator · Experte für digitale Kindheit & kulturelle Transformation

Für 9- bis 12-Jährige wirken soziale Medien wie ein riesiger Spiegel, in dem sie sich selbst wiedererkennen möchten. Doch sie finden dort nur Projektionen. Algorithmen bieten keine Orientierung, sondern übertreiben lediglich Gefühle, Körper, Schönheit und Zugehörigkeit.

Für Kinder, die gerade erst anfangen zu ein Selbstbild entwickelnDadurch wird es zu einer Herausforderung. Likes ersetzen Feedback, Trends definieren, was „normal“ ist, und das Gefühl, gesehen zu werden, hängt von Mechanismen ab, die sie nicht verstehen. So entsteht Identität als Performance, nicht als Erfahrung.

Das Problem ist nicht nur die Plattform selbst, sondern das, was sie ersetzt: echte soziale Interaktion, vielfältige Vorbilder und geschützte Räume, in denen Unsicherheit erlaubt ist. Wer zu früh in den sozialen Medien präsent ist, lernt, sich zu präsentieren, aber nicht, sich selbst zu entdecken.

Wenn 9- bis 12-Jährige in sozialen Medien unterwegs sind, bietet dies den Vorteil, dass sie dabei unterstützt werden können, Kreativität, Humor und gemeinsame Interessen über ihr unmittelbares Umfeld hinaus zu entdecken. Gleichzeitig werden sie aber auch Trends und Werten ausgesetzt, die eher für ältere Teenager gedacht sind. Dies kann die Identitätsbildung beschleunigen und die Interessen hin zu Leistung, Popularität und ästhetischer Selbstdarstellung verlagern.

Sie brauchen in dieser Übergangsphase unbedingt Räume, die Neugier und Selbstausdruck fördern und gleichzeitig ihr emotionales Wohlbefinden schützen.

Was sind einige Beispiele für fehlende Bereiche im Vorpubertätsalter?

Sowohl Online- als auch Offline-Welten bieten oft keinen Mittelweg zwischen Kindheit und Jugend. Selbst Unterhaltungsangebote wie neue Filme tendieren meist in die eine oder andere Richtung. Auf welche anderen Arten äußert sich dieses Phänomen?

Julia von Weiler

Julia von Weiler

Psychologe · Mediator · Experte für digitale Kindheit & kulturelle Transformation

Für Kinder im Vorpubertätsalter gibt es nur wenige Orte, an denen sie ihre Persönlichkeit entdecken können, ohne beurteilt, belehrt oder mit Werbung bombardiert zu werden.

Offline mangelt es an offenen, moderierten Räumen zwischen Schule und Freizeitaktivitäten, in denen Kinder kreativ sein und sich gleichzeitig sicher fühlen können. Online fehlt genau das: Räume, die sozial, kreativ und geschützt sind.

Stattdessen gibt es zwei Extreme: übermäßig auf Bildung ausgerichtete Kinderplattformen, die bei Kindern im Vorpubertätsalter kaum Anklang finden, und globale Social-Media-Welten, die von Aufmerksamkeitsökonomie und Selbstdarstellung leben. Der „Mittelweg“, auf dem sich echtes Selbstvertrauen entwickeln kann, ist nicht ausreichend verbreitet.

Solange Plattformen in Zielgruppen statt in Entwicklungsstadien denken, wird diese Generation ohne ein eigenes digitales Zuhause bleiben.

Ja! Mir fällt in meiner Forschung auf, wie wenige digitale oder physische Umgebungen wirklich für 9- bis 12-Jährige konzipiert sind. Online klafft eine Lücke zwischen spielerischen „Kinder-Apps“ und erwachsenen sozialen Plattformen; Kinder im Vorpubertätsalter finden kaum etwas, das sich sowohl sozial authentisch als auch sicher anfühlt.

Auch offline richten sich Jugendclubs, Bibliotheken und kreative Programme oft entweder an Kinder oder Jugendliche. Es gibt nur wenige einladende, altersgerechte Orte, an denen Kinder im Vorpubertätsalter gemeinsam Kontakte knüpfen, kreativ sein und ihre Selbstständigkeit entdecken können.

John Carr

John Carr

Experte für Online-Sicherheit

In meiner Gegend gibt es fast unbegrenzte Freiflächen und viele Sportanlagen, doch Eltern und Kinder trauen sich immer seltener nach draußen, besonders jetzt, wo die Tage kürzer werden. Ob und inwieweit diese Ängste berechtigt sind, ist eine andere Frage. Oft werden sie durch reißerische Medienberichte noch verstärkt.

Wie können wir Kindern im Vorpubertätsalter helfen, altersgerechtere Interessen zu entdecken?

Julia von Weiler

Julia von Weiler

Psychologe · Mediator · Experte für digitale Kindheit & kulturelle Transformation

Die Verantwortung liegt nicht bei den Kindern, sondern bei den Erwachsenen, die ihr Umfeld gestalten, sowohl online als auch offline.

Die Branche muss endlich aufhören, Kinderschutz als reines Designproblem zu betrachten. Es geht nicht nur um Filter, Altersbeschränkungen oder Kindersicherungen, sondern um kulturelle Verantwortung. Es geht um Algorithmen, die Sicherheit und Teilhabe gleichermaßen ermöglichen, und um Plattformen, die Kinder nicht mit Belohnungssystemen manipulieren, sondern ihre Neugier ernst nehmen.

Eltern wiederum benötigen Unterstützung, damit sie ihre Kinder begleiten können, anstatt sie zu beaufsichtigen. Wer gemeinsam mit seinen Kindern digitale Welten erkundet, vermittelt ein Gefühl der Verbundenheit, nicht der Kontrolle. Und wer Grenzen erklärt, anstatt sie einfach zu setzen, stärkt das Urteilsvermögen und das Selbstvertrauen seiner Kinder.

Der Kinderschutz beginnt dann, wenn Erwachsene aufhören, Bequemlichkeit mit Vertrauen zu verwechseln.

Ich glaube, sowohl die Branche als auch die Eltern können aktiv dazu beitragen, gesündere Angebote für Kinder im Vorpubertätsalter zu schaffen. Die Branche kann sogenannte „Brückenangebote“ entwickeln – Plattformen oder Spiele, die diesen Kindern helfen, sich selbstständig zu fühlen, und gleichzeitig Hilfestellung bei der Auswahl altersgerechter Inhalte bieten. Selbstverständlich sind auch strenge Moderationssysteme wichtig. Eltern und Erziehungsberechtigte könnten ihrerseits versuchen, digitale Medien gemeinsam mit ihren Kindern zu entdecken und sie fragen, was sich für sie richtig anfühlt und was ihnen wichtig ist (anstatt sich nur auf das zu konzentrieren, was gerade viral geht oder populär ist).

Schlussbetrachtungen der Experten

Julia von Weiler

Julia von Weiler

Psychologe · Mediator · Experte für digitale Kindheit & kulturelle Transformation

Was in dieser Lebensphase geschieht, bestimmt oft, wie Kinder später mit Freiheit umgehen. Wenn sie lernen, dass Sichtbarkeit wichtiger ist als Beziehungen oder Leistung wichtiger als Zugehörigkeit, tragen sie diese Denkweise ins Erwachsenenalter.

Neun- bis Zwölfjährige sind keine Randgruppe; sie bilden das Bindeglied zwischen Kindheit und Jugend. Wenn wir ihnen keine eigenen Räume bieten, schicken wir sie in Welten, die sie nicht verstehen – und machen sie dann dafür verantwortlich, dass sie überfordert sind.

Kinderschutz bedeutet nicht, Kinder fernzuhalten, sondern Strukturen zu schaffen, die ihre Entwicklung fördern. Wir brauchen Räume, in denen Neugier, Verletzlichkeit und Wachstum nebeneinander bestehen können – offline wie online. Dies ist kein pädagogischer Luxus, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit.

Meine Forschung zielt fortwährend darauf ab, Technologie an die kindliche Entwicklung in ihren verschiedenen Phasen anzupassen (nicht nur an „kindersichere“ Technologie, sondern an entwicklungsangemessene Technologie). Dies führt mich zu der Erkenntnis, dass die Bedürfnisse von Kindern im Vorpubertätsalter eine tiefere Herausforderung im Bereich Design offenbaren – nämlich die Frage der Würde.

Diese Altersgruppe möchte sich kompetent und wahrgenommen fühlen, doch die meisten Systeme überbehüten sie oder setzen sie zu vielen Reizen aus. Die Zukunft des digitalen Designs sollte sich darauf konzentrieren, Selbstbestimmung zu fördern: Kindern im Vorpubertätsalter Raum zum Fantasieren, Hinterfragen und Gestalten (innerhalb sicherer Grenzen) zu geben.

Unterstützende Ressourcen

Eine Familie sitzt auf ihrem Sofa, hält verschiedene Geräte in der Hand und zu ihren Füßen sitzt ein Hund

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